Bolivia | La Gran Chiquitania |  
Seite 1 von 5

Die Chiquitano-Kultur ist eine junge Kultur, die sich aus christlichen und indianischen Elementen unterschiedlicher Herkunft entwickelt hat. Im Volk der Chiquitano sind indianische Ethnien mit verschiedenen Sprachen und Wirtschaftsweisen, sind Ackerbauern wie die Arawak oder Jäger und Sammler wie die Ayoréode aufgegangen. Die Chiquitano-Sprache hat die anderen Sprachen fast völlig verdrängt. Doch obwohl die Jesuiten tiefgreifende Veränderungen bewirkt haben, konnten sie niemals das indianische Denken auslöschen. Nach der Vertreibung der Jesuiten und besonders nach der Auflösung der Reduktionen erstarkte das Indianische von neuem unter den Chiquitano. Gründe dafür waren die fehlende christliche Unterweisung, aber vor allem die erneute Abhängigkeit von der Natur, die den Chiquitano Nahrung und Wohlergehen ermöglicht oder aber verweigert. (Riester 1976)

 

Die indianischen Traditionen

Wirtschaftsweise: Hauptsächlich sind die Chiquitano Ackerbauern im System der Brandrodung. Die Dorfländereien sind Eigentum der Gemeinschaft, die von jedem Einzelnen geleistete Arbeit sichert ihm jedoch, nach gemeinsamer Absprache, den zeitweiligen Landbesitz. Hauptanbauprodukte sind Mais, Maniok, Bananen und Bohnen. In letzter Zeit gewinnt der Reis an Bedeutung. Die Chiquitano sind aber nicht nur Ackerbauern, sondern daneben auch Jäger und Sammler. Wie schon vor dem Kontakt mit den Jesuiten verbringen sie viel Zeit mit der Jagd. Obwohl heute einiges von Auswärtigen gekauft wird, stellen die Chiquitano viele Gegenstände des täglichen Gebrauchs noch selbst her, so die aus Blättern geflochtenen Taschen oder die gewobene Hängematte aus Baumwolle vom eigenen Acker. (Riester 1971A)

Dorfstruktur: Die indianische Dorfgemeinde ist auf drei Ebenen organisiert: der Kazike und die Gemeinderäte bilden den Cabildo, der für alle Anliegen auf Gemeindeebene zuständig ist; dann kommen die Sippen, bestehend aus den Verwandten mit gleichem Nachnamen, denen je ein Oberhaupt vorsteht. (Riester 1976: 146). Die dritte Ebene ist die der erweiterten Familie, die in der Regel in einem gemeinsamen Haus wohnt; jede Familie hat zwar ihre eigenen Felder, doch tragen sie alle mit Lebensmitteln zum gemeinsamen Haushalt bei. Familien organisieren Feste, zu denen sie das ganze Dorf einladen, dadurch gewinnen sie Ansehen und Einfluss in der Gemeinde. Auf Dorfebene gibt es Formen gegenseitiger Hilfe, wie die Minga für den Bau eines Hauses, für Rodung, Ernte und andere Arbeiten (ebd.: 148).

Religion und Weltbild: Die Chiquitano-Religion hat typisch indianische Züge und ist geprägt von der starken Abhängigkeit von der Natur, die gibt und nimmt und alle Aspekte menschlichen Lebens beeinflusst. Wasserläufe, Berge, offene Ebenen und Wälder haben ihre eigenen «Herren», die darüber wachen, dass die Menschen die Natur nicht missbrauchen und nur das nehmen, was sie benötigen. Diese «Herren», die «Jichis», haben meist die Gestalt von riesengrossen Schlangen. Auch die Tiere und Pflanzen haben ihre «Herren». Die Chiquitano müssen eine Reihe von Regeln und Tabus beachten, um nicht die Strafe des entsprechenden «Jichis» zu provozieren. die etwa darin besteht, dass ein Jäger kein Tier- mehr erlegen kann, oder dass die Ernte schlechter als erwartet ausfällt. Dieses religiöse System verhindert. dass die Menschen ihre natürliche Umwelt zerstören.

Der Chiquitano besitzt verschiedene Seelen. Wenn er stirbt, werden ihm Mund, Nase und Ohren verschlossen, damit der Tote nicht wiederkehrt. Die Seelen können noch eine Zeitlang im Dorf herumirren. Ihre letztliche Bestimmung sind jedoch die verschiedenen Himmel, in denen «alle glücklich leben»(ebd.: 152)

Schamanen: Die Chiquitano besitzen hervorragende Kenntnisse natürlicher Heilmethoden. auf die sie im Krankheitsfall zurückgreifen; wenn es ernster ist, gehen sie zum Schamanen. Diese sind für die Chiquitano sehr wichtig, denn Krankheiten und Unglücksfälle kommen nicht zufällig, sondern werden von feindlich gesinnten Menschen oder von den Herren der Natur verursacht. Die Chiquitano unterscheiden zwischen den guten Schamanen. den «Cheeserush» die den Leuten helfen, und den bösen «Aboish», die Menschen verzaubern und ihnen damit Krankheiten oder sogar den Tod bringen können. Ob ein Schamane als gut oder böse angesehen wird. hängt von den verwandtschaftlichen Beziehungeb ab: so kann er gleichzeitig für die einen MitgIieder der Gemeinschaft ein Cheeserush und für die anderen ein Aboish sein (ebd.: 156). Der Schamane heilt, indem er am kranken Körperteil saugt und so von dort den Gegenstand entfernt, der die Krankheit verursacht hat. Er kennt sich auch mit Pflanzen und anderen natürlichen Heilmitteln aus und nutzt seine Fähigkeiten nicht nur zum Heilen, sondern auch, damit es regnet, um Jagdwild anzulocken und bei anderen Diensten für die Gemeinschaft: das stärkt seine Position derart, dass er manchmal mehr Einfluss als der Kazike hat.

In den letzten Jahren hat der Modernisierungsdruck sehr zugenommen. Es gibt zwar keine Studien jüngeren Datums darüber, doch sprechen die Anzeichen dafür, dass die indianische Kultur der Chiquitano trotzdem in ihrem Wesen unverändert geblieben ist, wenn auch viele Ausdrucksformen ihres Denkens verschwunden sind.

 

aus: Kuehne, "Martin Schmid 1694-1772 Missionar-Musiker-Architekt"